"Bund der Deutschen in Böhmen, e.V.", Sitz: Netschetin / Nečtiny in Tschechien ist ein Verein der deutschen Minderheit in Westböhmen.

Vereinszweck:

  • Erhalt der deutschen Sprache und des „Egerländer Kulturerbes“
  • Schutz der Interessen der deutschen Minderheit
  • Völkerverständigung, insbesonders zwischen GER und CZE

Plachtiner in Eichenzell

(Kaffee- und Filmnachmittag der Egerländer Heimatstube 25. November 2023)

Richard Šulko

Zu einem „Kaffee- und Filmnachmittag der Egerländer Heimatstube“ lud die Gemeinde Eichenzell in Zusammenarbeit mit der Egerländer Heimatstube ein. In einer mehrstündigen Begegnung im Dabeisein von der Beauftragten der hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Margarete Ziegler-Raschdorf, wurde der Nachmittag der Vorstellung des vor kurzem eröffneten Museum in Fleißen gewidmet. Musikalisch begleitete die Veranstaltung das Duo „Målaboum“ aus Plachtin b. Netschetin, die mit dem Fleißener Bürgermeister Petr Schaller anreisten.

Eichenzell, 8 km südlich von Fulda im oberen Fuldatal gelegen, gehört zu den ältesten Ortschaften des Fuldaer Landes. Es wird um 927 erstmals urkundlich erwähnt, als Abt Hadamar (927 bis 956) der Kunst- und Handwerksschule seines Klosters in Fulda "Zwei Huben Besitz in Eichencella" schenkte. Wahrzeichen Eichenzells ist das Renaissance-Schlösschen, das im Jahre 1548 von den Herren von Ebersburg erbaut wurde. Heute ist das Schlösschen Sitz der Gemeindeverwaltung und kultureller Mittelpunkt der Großgemeinde Eichenzell. Im Zuge der Gebietsreform im Jahre 1972 kamen zur Gemeinde Eichenzell acht weitere, einst selbstständige Gemeinden hinzu. Es waren dies Büchenberg, Döllbach, Kerzell, Löschenrod, Lütter, Rönshausen, Rothemann und Welkers.

Wie die Egerländer aus Fleißen nach Eichenzell kamen…

1946 wurden über 500 vertriebene Egerländer aus den Heimatgemeinden Fleißen(Plesná] und Schnecken (Šneky] in der heutigen  Großgemeinde Eichenzell angesiedelt. Seit 1999 erinnern Egerländer Kulturgüter und Dokumente in  der Egerländer Heimatstube  an die alte Heimat. Sehr bald wurde ein Egerländer Gmoin z´Eichenzell gegründet und schloss sich der Kulturarbeit in ihrer neuen Heimat an. Die Gmoi ist heute nicht mehr existent, aber im Rahmen der Aktivitäten der Egerländer Heimatstube wird die Heimatarbeit fortgesetzt. Der Kulturnachmittag war ein ausgezeichnetes Beispiel dafür. Dieter Kolb Bürgermeister a.D. und Leiter der Heimatstube begrüßte kurz nach halb Drei die Gäste, die den Kultursaal des Eichenzeller Schlösschens komplett füllten. An den reichlich gedeckten Tischen standen Kaffee und Kuchen und das Programm konnte beginnen. Nach Einleitung Kolbs wurde der „Willkommensfilm“ des Fleißener Museums gezeigt. Die Hauptperson in diesem Film ist der in 2021 verstorbene Adolf Penzel, langjähriger Vüarstäiha(r der dortigen Egerländer Gmoin. Adolf Penzel wurde am 4.12.1935 in Fleißen geboren. Nach der Vertreibung kam er nach Eichenzell. Durch seine langjährigen Kontakte zum heutigen Plesná (Fleissen) konnte er Verbindungen zwischen der Gemeinde Eichenzell und Plesná knüpfen, die zu einer aktiven Städtepartnerschaft führte. In dem Film erzählt Penzel sein ganzes Leben: von der glücklichen Kindheit in Fleißen, bis zu der Vertreibung.  Ein rührendes Dokument, welches für die jetzigen Bewohner Tschechiens ganz wichtig ist.

Egerländer Brücke….

In zwei Blöcken konnte das Duo „Målaboum“ eine „Egerländer Brücke“ zwischen Eichenzell und Plachtin (es sind 340 km Entfernung) herstellen. Das Duo bilden Richard Sulko (Hausname Måla Richard), der letzte in Tschechien lebende Autor, der in Egerländer Mundart schreibt und singt. Er wird von seinem Sohn Vojtěch auf der Zither begleitet. Mit Gedichten in Egerländer Mundart und Egerländer Volksliedern erfreuten sie nicht nur die hier versammelten Egerländer. Dabei konnte man hören, dass das Egerländer Volkstum in Eichenzell noch lebendig ist. Bei „Heint scheint da Mou(n sua schäi(n“ sang der ganze Saal mit. Damit wurde ein schöner musikalischer Bogen, oder Brücke zwischen Hessen und Böhmen gespannt. Ein wunderschönes Erlebnis, eine lebendige, gemeinsame Heimat. Im zweiten Block wurden drei Filme mit den Zeitzeugen aus Fleißen und Schnecken mit Maria Hartung, Heinz Sattler und Marga Schmitt vorgestellt. Sehr berührt war ich von der Beschreibung Maria Hartungs über den Tod ihrer Schwester Heidi. Aber auch die Zeugnisse von Heinz Sattler und Marga Schmitt zeigten die Tragödie des 20. Jhd. Eine Überraschung erlebte Vojtěch Šulko nach dem offiziellen Teil: die 85 jährige aus dem Egerland stammende Renate Heil holte ihre Zither hervor und erfreute mit mehreren Liedern die Zuhörer. Es war ein rührendes Bild, welches wiederum einen Egerländer Bogen darstellte: zwei Zitherspieler, Jahresunterschied 55 Jahre und 340 km Entfernung musizieren gemeinsam!