"Bund der Deutschen in Böhmen, e.V.", Sitz: Netschetin / Nečtiny in Tschechien ist ein Verein der deutschen Minderheit in Westböhmen.

Vereinszweck:

  • Erhalt der deutschen Sprache und des „Egerländer Kulturerbes“
  • Schutz der Interessen der deutschen Minderheit
  • Völkerverständigung, insbesonders zwischen GER und CZE

„Pietschnbaam“
(21.- 23. November 2025)

Richard Šulko

 

Die Sudetendeutsche Heimatpflege mit der Unterstützung des „Hauses des deutschen Ostens“ und des „Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales“ lud wieder zu der alljährlichen Begegnung des „Freundeskreises Sudetendeutschen Mundarten“ nach Bad Kissingen ein.

Nach der Ankunft der Teilnehmer folgte zuerst das Kaffeetrinken und dann ging es schon zum ersten Vortrag: Dr. Ralf Heimrath berichtete über die Egerländer Mundart in Puhoi, Neuseeland. Dorthin wanderten nämlich 1863 Deutsche aus der Region um Chotischau aus. Zuerst begrüßte jedoch Christina Meinusch, die Heimatpflegerin der Sudetendeutschen die Teilnehmer. Im Vortrag von Dr. Heimrath war das Interessanteste das aufgenommene Kartenspiel, wie sich das Englische mit dem Eghalandrischen vermischte.  Das nennen die Sprachwissenschaftler „Interferenzen.“ Wenn man von einer Sprache in eine andere fließend wechselt, nennt man das „Code-Switching.“ Auch die Volksmusik in Puhoi sprach Heimrath in seinem Vortrag an, samt der Rolle des Dudelsacks, welchen die Auswanderer mitnahmen. Auch die „Agonie der Sprachinsel Puhoi“ wurde von Heimrath angesprochen. Es gibt eine Regel: wenn es weniger, als 300 Sprecher gibt, stirbt die Sprache. Im Jahre 2013 sprachen in Puhoi nur noch vier Leute Deutsch. Noch vor dem Abendessen begrüßte die Leiterin des Freundeskreises, Ingrid Deistler, die Anwesenden.

Abend der Mundarten…

Gestärkt durch das gute Abendessen aus der ausgezeichneten „Heiligenhof-Küche“ ging es zu dem beliebtesten Programmpunkt bei jeder Begegnung: „Mundartlesungen und Mundartvorträge.“ Zuerst folgte aber eine Vorstellungsrunde. Die dauerte ein wenig länger, weil die Teilnehmerzahl mit 44 eine Rekordzahl war. Nach der Vorstellungsrunde schlug Meinusch vor, dass sich Gruppen mit einer ähnlichen Mundart zusammensetzten. Das Egerländer „Nest“ bildeten: Gerhard Stiefel, Rudi Klieber, Eta Engelmann, Franz Hanika, Ingrid Deistler, Michael Käsbauer und ich. Bei den Egerländern ist es dann los gegangen: alle möglichen Themen wurden in der Mundart besprochen. Danach holte Ingrid Deistler ihre Gitarre und Michael Käsbauer seine Ziehharmonika heraus und es wurden Lieder aus den einzelnen Mundarten gesungen und dazu die entsprechende Mundarttexte vorgetragen. Der jüngste Teilnehmer Simon Busch, 14 Jahre jung, trug mit seinem Vater Stefan eine Geschichte in der Riesengebirgsmundart vor.

Samstag voller Vorträge…

Samstagfrüh startete der Tag mit dem Vortrag „Das Glätzische im Adlergebirge und im Braunauer Ländchen“ vom Felix Fischer. In seinem Vortrag bearbeitete Fischer zwei Themen in einem: „Die glätzische Mundart“ und „Dialektologische Hilfsmittel.“ In der Dialektkarte zeigte Fischer alle Mundarten im deutschsprachigen Raum in Europa. Im Detail dann die Karte mit den einzelnen Sudetendeutschen Mundarten. Die Nordbairische Mundart, auch als Oberpfälzisch bekannt, ist die des Egerlandes. Im weiteren Verlauf erklärte Fischer die Schlesische Mundarten und die Beispiele im Vergleich zum „Schriftdeutsch.“ Ganz interessant war der Vergleich zwischen der „Oberdörfischen“ und der „Niederdörfischen“ Mundart: Oberdörfisch: „Die hott´ ´n weita Waig..,“ Niederdörfisch: „Die hotte´n weita Wäg…“ Mehr zum Thema. www.regionalsprache.de (Wenkerbogen-Katalog); ist sehr interessant. Einen weiteren Vortrag hielt Frau Dr. Hana Svobodová aus Braunau: „Sprachkontakt, Bevölkerungsausstauch und Sprachwechsel nach 1945 am Beispiel von Braunau/Broumov in Böhmen.“ Zuerst zeigte Svobodobá die Geschichte von Braunau. Im zwölften Jahrhundert war dort eine slawische Siedlung, später war das Braunauer Ländchen jahrhundertelang fast nur Deutsch. In 1921 meldeten sich in Braunau bei der Volkszählung 24.747 Menschen zu der deutschen Nationalität; 1.957  zu der tschechoslowakischen. In einer Übersicht präsentierte Svobodová ihre Umfrage, welche Leute nach 1945 nach Braunau kamen. Im „Modell 2“ präsentierte er [?] die Entwicklung der deutschen und tschechischen Sprache im Braunauer Ländchen. Heute ist das Braunauer Ländchen rein tschechisch, mit einer ganz kleinen deutschen Minderheit. Später zeigte Svobodová noch die böhmischen (tschechischen, mährischen etc.) Dialekte heute in Braunau (Lexemen: tschechisierte deutsche Worte). Noch vor dem Mittagessen kamen wieder alle Mundartsprecher dran: die Hausaufgaben wurden besprochen.

„Nikolaus…“

Isabelle Hardt und Bettina Hofmann-Käs vom „Sudetendeutschen Wörterbuch“ der Uni Gießen stellten den Nikolaus und das Christkind in den Sudetengebieten vor. Gleich am Anfang erfuhren wir von Hardt den ganz besonderen Namen für den Nikolaus in Luditz: „Nikolai.“ Das kam aus dem Russischen! Auch bei dem Datum, an welchen er kommt, gibt es Unterschiede: manchmal kommt er am 5. Dezember (am meisten), manchmal am 6. Dezember und in einigen Orten von 1. bis 10. Dezember! Das Vorbild ist der Heilige Nikolaus von Myra (ca. 280-345 n. Chr.). Das war ein Bischof, der im 4. Jahrhundert in Myra, einer antiken Stadt im heutigen Demre in der Türkei, lebte. Es gibt aber auch einen Nikolaus im Ruprechtsgewand. Am häufigsten im Riesengebirge und Nord- und Westböhmen. In Weckersdorf in Ostböhmen gab es den Nikolaus als einen Pelzvermummten. Als Begleitung kann man bei Nikolaus den Zemper/Zemperer finden. Gängerhof ist der frühere deutsche Name für die kleine Gemeinde Chodov, die südöstlich von Petschau (Bečov nad Teplou) im Kreis Karlsbad (Karlovy Vary) liegt. In diesem Ort lief der Zemperer am 24. Dezember um, rasselte mit Blechgefäßen und riefen: „Zempara, Zempara, Bauch afschnei(d)n, Howastrauh, Howastrauh steck ma ein(n.“ Auch der Krampus gehört zu den Begleitern vom Nikolaus. Des Weiteren waren die Nikolaus-Begleiter: Engel, Esel, Ziege und Bär. Geschenke wurden in aufgehängte Strümpfe, in Schuhe, im Teller und Brotschüsseln, in Kleider, persönlich übergeben, oder eingeschmissen durch einen Fenster- oder Türspalt. In Zwickau in Nordböhmen konnte man folgenden Kinderspruch feststellen: „Niklaus, Niklaus, ziehs Rickl aus, louf nackt naus!“

„Christkind…..“

Bettina Hofmann-Käs erklärte das Christkind in dem Sudetenland. Im westböhmischen Maschowitz (Mašovice) gab es folgenden Spruch: „Wennst niat betst, kummt s Christkindl niat! In Schönbach in Westböhmen sah der Heiligabend wie folgt aus: „Ümma Sechsa håut sich ållas üm na Tisch vasåmmlt, nou is bätt woon und wenn aa s gonz Gauha koa Sprüchl gsagt woan is. Vanäi houts a gouta Suppm gebn, danau Schweinafleisch, Kniadla und Sauakraut. In ganzan mouzt neinalei afn Tiesch kumma.“ Es gab auch viele abergläubische Bräuche, z. B. Aufschneiden eines Äpfel. Das Schmücken von einem Christbaum wurde in den Sudetengebieten in vielen Begriffen beschrieben. Z. B. in Asch, Westböhmen hieß es: „na Bam oaputzn.“ Auch der Begriff für den Christbaum hatte auch mehrere Namen: „Christbaum,“ „Tannenbaum,“ „Zuckerbaum,“ „Putzbaum“ oder „Christkindlbaum.“ Zu Weihnachten gehört auch die Krippe. Ein nicht viel bekannter Brauch war das „Christkindlschießen,“ wie z. B. in Jauernig (Javorník) im Kreis Freiwaldau (Jeseník). Mewhr Infos: https://www.collegium-carolinum.de/forschung/grundlagenforschung/sudetendeutsches-woerterbuch

Saukerl….

Nach der Kaffeepause wurde es spannend: Lorenz Loserth bereitete einen Workshop vor, in welchem die jeweiligen Mundarten zum Leben erweckt wurden: es wurden acht „Arbeitsstationen“ mit folgenden Themen vorbereitet: „Besondere Rezepte,“ „Lieblingswort(e),“ „Missverständliche Ausdrücke,“ „Sowas sagt man nicht!“ „Höflichkeitsformen in Mundart,“ „Witze in Mundart,“ „Deutsche Schrift,“ und „Woher kommen diese Sätze?“ In einer Stunde wurde fleißig gearbeitet, es gab einen schnellen Positionswechsel zwischen den einzelnen Stationen und nach einer kurzen Pause wurden die Arbeiten gemeinsam ausgewertet und die besten Antworten und Lösungen vorgetragen. Für mich persönlich war die schwierigste Aufgabe die mit der Kurrentschrift, weil ich sie nicht kenne. Aber wieder etwas gelernt. Als Beispiel ein Witz aus dem Böhmischen Niederland: „Fritzl, wieso haste denne Hountsch (Honig) of´s Kouppetl (Kissen) geschmiert?“ „Iech wollte sisse Trejme (süße Träume).“

Musikalischer Ausklang…

Samstagabend gehört bei diesen Begegnungen immer zum Höhepunkt des Seminars. Musikalisch begleitet durch Michael Käsbauer mit seiner Harmonika wurde es wieder ein schöner Abend. Michael erklärte zuerst die Technik in seiner Harmonika und gab dann auch z. B. Übersetzungen der Lieder aus dem Eghalandrischan ins Deutsche. Danach folgte ein Spiel über einen Regenschirm, vorgetragen von Emmi Hoffmann und Lorenz Loserth, Ortsbetreuer und Heimatkreisbetreuer von der Heimatlandschaft Altvater. Immer wechselnd trugen die einzelnen Teilnehmer ihre Mundartbeiträge vor, zwischendurch erklang die Harmonika von Michael. Eine interessante Geschichte brachte die Gretl Michel: über den böhmischen Hopfen. Der war ursprünglich bei Falkenau angebaut aber wegen dem Kohlenanbau wurden die Hopfengärten nach Saaz und weiter ins Land verlegt. Einen fast wissenschaftlichen Vortrag über den Hopfen brachte wieder der Michael Käsbauer. Auch die Zither erklang an diesem Abend, gespielt von Jörg Faber.

Wenn der Becherbitter den Körper erwärmt…

Sonntagfrüh startete das Programm mit dem Spaziergang, bei dem verschiedene Aufgaben zu erfüllen waren. Ingrid Deistler ging noch in der Dunkelheit, nur mit einer Stirnlampe ausgerüstet, auf den Waldweg und bereitete mehrere Stationen vor: Angefangen mit dem Erntedankfest, mit Allerheiligen, mit Sinnsprüchen, mit Wünschen zu Weihnachten und Neujahr u. v. m.  Bei einigen Stationen musste man Aufgaben erfüllen, z. B. in eigener Mundart die Sprüche aufschreiben, die man „Daham“ pflegte. Ganz schön verfroren kamen die Spaziergänger an der Waldkapelle an, wo Ingrid eine Überraschung vorbereitet hatte: ein Stamperl Becherbitter für jeden, damit der Körper ein wenig erwärmt wurde. Zurück am Heiligenhof: Bei der Zusammenfassung der Tagung wurden Themen für die nächste Begegnung besprochen. Eins waren z. B. die Bauernsprüche, die man in den jeweiligen Mundarten aufschreiben könnte. Das zweite Thema könnten die Heiligen der Heimat sein. Redewendungen mit Erklärungen könnten auch das nächste Thema sein. Kurztext in jeweiligen Mundarten war der nächste Vorschlag. Der nächste war die Arbeit mit dem Sudetendeutschen Wörterbuch. Man könnte auch andere Leute aus Böhmen, Mähren oder Sudetenschlesien einladen, die neue Ideen bringen könnten. Das nächste Thema war eine Präsentation alter Postkarten. Auch für das Internetradio Böhmen wurde Werbung gemacht und man hat auch die technischen Fragen besprochen. Schaut mal hinein: www.radio-boehmen.de. Nach dem Mittagessen endete die Begegnung, die wieder sehr bereichernd war.

Zum Schluss noch zu dem Artikelnamen:

Was ist der Begriff „Pietschnbaam?“ Das ist ein Begriff der Puhoier Egerländer für den Pfirsichbaum. Darin mischt sich schön das Englische mit dem Eghalandrischen.