Wenn der Taxifahrer schweigt…
- 76. Sudetendeutscher Tag in Brünn 22.- 24. Mai 2026 -
Richard Šulko
Zu einem historischen Ereignis machte sich die Egerländer Volkstanzgruppe „Die Målas“ mit den „Målaboum“ auf den Weg: Zum 76. Sudetendeutschen Tag nach Brünn! Zum ersten Mal in der Geschichte der Sudetendeutschen Tage fand dieser in der Tschechischen Republik statt. Die Einladung vom „Meeting Brno“ nahm die „Sudetendeutsche Landsmannschaft“ an und es war eine gute und richtige Entscheidung!
Die Egerländer aus Netschetin machten sich am Freitag, den 22. Mai um 15 Uhr auf den Weg. Wegen Staus auf den Autobahnen kam sie erst kurz vor 22 Uhr an. „Da bin ich neugierig, ob wir noch etwas zum Trinken bekommen“, meinte Vojtěch, der Zitherspieler und Fahnenträger. Gott sei Dank hatte die Hotelbar noch nicht zugemacht und somit konnte man den „Reisestaub“ herunterspülen. Samstagfrüh starteten die Målas rechtzeitig vom Hotel zum Messegelände. Es waren nämlich Proteste angemeldet und man wollte nicht, dass vor allem die Kinder schlechte Erfahrungen aus Brünn mitnehmen. Die Omas würden uns umbringen, wenn etwas schiefgelaufen wäre.
Spiegel der tschechischen Gesellschaft
Die Proteste musste man wirklich ernstnehmen, man verfolgte die Ereignisse jede Stunde in den sozialen Netzten. Ob es der der Freitag war, an welchem die Kränze für die ermordeten Juden auf dem Brünner Bahnhof niedergelegt wurden, oder Samstagfrüh in Pöhrlitz oder vor dem Haupttor auf dem Messegelände, überall kamen Leute hin, die mit Hass und Pfeifen gegen das Treffen im Sinne der Verständigung und Freundschaft protestierten. Organisiert durch tschechische Kommunisten oder Nationalisten kamen scheinbar Leute aus dem ganzen Land, um gegen die Versöhnung zu protestieren. Es waren auch viele Freunde Russlands dabei, was das Plakat „Nie gegen Russland“ und Fotos bewiesen. Die deutliche Mehrheit aber genoss diese historische Begegnung, die von vielen tschechischen demokratischen Politikern unterstütz wurde.
Hallen ausverkauft…
Nachdem der Infostand vom „Bund der Deutschen in Böhmen“ in der Halle P auf dem Brünner Messegelände hergerichtet war, machte ich mich auf den Rundgang. Es waren sehr viele Stände in der Halle: neben den Ständen der Verbände der deutschen Minderheit in Tschechien waren auch viele Ständer der vertriebenen Sudetendeutschen zu sehen und andere Organisationen. Wie ich später erfuhr, war die Flächenkapazität ausverkauft! Schon am Samstagvormittag waren die Biersitzgarnituren sehr gut besetzt, viel mehr, als in den vergangenen Jahren in Deutschland. Neben dem Standdienst musste ich mittags noch eine Verpflichtung wahrnehmen: das „Gedächtnis des Volkes“ aus Brünn wollte mit mir eine Videoaufnahme über mein Leben machen. Das nahm mehr als eine Stunde in Anspruch. Danach eilte ich schon in die Haupthalle, weil die Stellprobe geplant war. Mit über hundert Mitwirkenden wurde ein sehr reichhaltiges Programm angeboten. Neben den Gruppen aus Deutschland nahmen auch Gruppen aus Tschechien und bis aus Brasilien teil. Eva Hanzelková in Zusammenarbeit mit der Heimatpflegerin der Sudetendeutschen, Christina Meinusch und mit Unterstützung der Moderatoren für diesen Abend: Brigitta Schweigl-Braun und meine Wenigkeit stellten eine farbige Blume der Kultur der Böhmischen und Mährischen Länder zusammen.
130 Jahre Bund der Deutschen in Böhmen….
Weil das Abendprogramm „Tracht – Musik – Tanz“ zwei Stunden in Anspruch nahm, was die äußerste Grenze eines Abendprogramms ist, nahmen wir gerne das Angebot an, wenigstens beim „Böhmischen Dorffest“ mitzumachen. Für diese historische Begegnung bereitete die Leiterin der „Målas“. Terezie Jindřichová, folgende Tänze vor: den „Howansook,“ den „Schäi(n lustigh u kerngout“ und den „Eghalanda Walzer.“ Danach traten die „Målaboum“ auf, die mehrere Egerländer und Erzgebirgische Volkslieder mit Zitherbegleitung vortrugen. Beim Gesang waren meine Gedanken aber schon beim Abendprogramm, weil ich die Ehre bekam, bei dieser historischen Begegnung durchs Programm zu führen. Ich auf Tschechisch, die Gitty in Deutsch. Es waren wunderschöne zwei Stunden: Kulturgut der Böhmischen und Mährischen Länder gemeinsam auf dem Podium, international, bunt und freundlich: ein wahres Wunder! Mit den Auftritten und meiner Rolle beim Programm haben wir auch einen 130. Geburtstag gefeiert, weil der „Bund der Deutschen in Böhmen“ in Netschetin im Jahre 1896 gegründet wurde. Nachdem der große Abend in der Haupthalle beendet war, bestellte ich ein Taxi. Wir waren in Tracht und der Einstieg war am Messegelände. Gleich nachdem wir den Platz genommen hatten, versuchte ich, wie immer, ein Gespräch mit dem Taxifahrer anzufangen, aber er war irgendwie komisch, er redete nicht und als ich ihn über seinen Arbeitstag ausfragte, kam eine unfreundliche Antwort. „Na gut…“, meinte ich und ließ ihn in Ruhe. Beim Bezahlen merkte ich, dass es auf seinem Unterarm einen Böhmischen Löwen tätowiert hatte. Das haben in Tschechien sehr oft Menschen, die nationalistisch eingestellt sind. Aha!
Der Pfingstsonntag…
Wegen angemeldeten Protesten fuhren wir sehr früh vom Hotel zur Messe. Der erste, der an unserem Stand vorbei Richtung Gottesdienst vorbeiging, war der Abgeordnete Hayato Josef Okamura von der Volkspartei (Christlich-demokratisch). Das war das erste Bild mit der Prominenz. Im Laufe des Tages kamen weitere dazu: mit dem Sprecher Bernd Posselt, mit der Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene Dr. Petra Loibl MdL, mit dem Aktivisten Matěj Hollan oder mit der Pfarrerin Martina Viktorie Voborníková Kopecká von der böhmischen Hussitenkirche. Die Heilige Messe zelebrierte der Emeritus Prager Erzbischof Jan Graubner. Einer der wenigen Fahnenträger beim Gottesdient waren Vojtěch Šulko aus Plachtin und Roman Klinger aus Nixdorf. Beim Einzug der Trachten war der „Bund der Deutschen in Böhmen“ mit elf Personen anwesend. Nach der Hauptkundgebung wurde die Halle noch voller als am Samstag und es konnten sehr gute Gespräche geführt werden. Vor der Abfahrt folgte noch meine Mundartlesung und dann hieß es: nach Hause! Danke schön an alle, die mitgefahren sind, am Stand mithalfen und den Bund vertreten haben!