"Bund der Deutschen in Böhmen, e.V.", Sitz: Netschetin / Nečtiny in Tschechien ist ein Verein der deutschen Minderheit in Westböhmen.

Vereinszweck:

  • Erhalt der deutschen Sprache und des „Egerländer Kulturerbes“
  • Schutz der Interessen der deutschen Minderheit
  • Völkerverständigung, insbesonders zwischen GER und CZE

Danke, Dietmar!
- Benefizkonzert zum 130. Jubiläum 12. Juli 2026 in Strahov -

Richard Šulko

Es ist wichtig, dass man in den verschiedensten Gremien arbeitet und in der breiten Öffentlichkeit wirkt, denn nur so kann man „dös eichana Zeich“ unter die Leute bringen. Und es entstehen wunderschöne Sachen dabei! Das, was am zwölften Juli 2026 passierte, ist eins davon!


In Deutschland gibt es den „Freundeskreis der Sudetendeutschen Mundarten.“ Ich bin schon viele Jahre selbst Mitglied und genieße immer aufs Neue die Gemeinschaft, die Vielfalt und die Freundschaft derer, die aus dem Sudetenland stammen und immer noch ihre Mundart sprechen. Es ist eine riesige kulturelle Bereicherung, wenn man bei Lesungen, bei Konzerten, oder einfach bei den Begegnungen unsere Mundarten benutzen kann, denn die Mundart ist das Herz und die Seele der Deutschböhmen, Deutschmährer und Deutschschlesier! Bei der Begegnung des Freundeskreises am Heiligenhof in Bad Kissingen im Dezember 2025 saß ich am Abend in der Weinstube neben dem Komponisten und Orgelspieler Dr. Dietmar Gräf. Ich sang einige Egerländer Volkslieder und erzählte, was ich so alles in Netschetin und Umgebung mache. Als ich erwähnte, dass wir in unserer St.- Jakobus- Kirche eine ganz besondere Orgel haben, die dringend eine Reparatur braucht, sagte Gräf: „Ich mache für euere Orgel am Strahov ein Benefizkonzert!“ 

Eine ganz besondere Persönlichkeit…

Als ich das Plakat und das Programm zum Auslegen in den Bänken vorbereitete und seine Vita anschaute, stellte ich fest, was für ein besonderer Mensch Gräf ist. Neben seiner Herzlichkeit, seiner Strahlkraft, Vitalität und Humor ist es ein Mensch, der auch etwas kann und ein großes Wissen hat. Auf der Webseite der „KünstlerGilde e.V. Esslingen“ fand ich die Vita unseres Freundes: „Dr. Dietmar Gräf wurde in Marienbad geboren und mit seiner Familie 1945 aus der Heimat vertrieben. Er besuchte die Schule in Bayreuth. Des Weiteren absolvierte er das Studium der Kirchenmusik, der Schulmusik für Gymnasien, des Tonsatzes und der Konzertfächer Klavier und Dirigieren in Regensburg, Würzburg, München und Wien. Gräf hat das Magister-Artium-Examen sowie Doktorat in Musikwissenschaft, Didaktik der Musik und Pädagogik an der Ludwig-Maximilian-Universität München. Er arbeitete und wirkte als Gymnasiallehrer in Mindelheim, Bamberg und München, Lehrer der Regensburger Domspatzen, Domkapellmeister in Eichstätt und Dozent für Musikpädagogik an der Universität München.

Welturaufführung….

Dietmar Gräf gab insgesamt über 2000 Konzerte, komponierte über 500 Werke und ist bis heute Gastdirigent namhafter Sinfonieorchester, vornehmlich aus der Tschechischen Republik. Seine Kompositionen umfassen nahezu alle gängigen Besetzungen – darunter Werke für Chor, Orgel, Orchester, Klavier, Ensemble, Lieder. Seine Spezialität sind Aufführungen (davon viele Uraufführungen) von Werken sudetendeutscher Komponisten, darunter Heinrich Simbriger, Widmar Hader, Oskar Sigmund, Armin Rosin, Andreas Willscher und Roland Leistner-Mayer. Eine ganz besondere Welturaufführung sprach mich aber sehr an: Die weltweit erste Aufführung Gräfs mit der Strahover Improvisation war auf einem Festival in Neuburg an der Donau, 200 Jahre nach Mozart selbst, also im Jahr 1987. Der Kritiker der Augsburger Allgemeinen Zeitung, Manfred Engelhard, schrieb: „Dietmar Gräf ist ein Husarenritt gelungen." Im Anschluss an die erste Wiederaufführung in Neuburg/Donau, Deutschland, hate Gräf in sehr vielen Ländern die Erstaufführung gespielt, darunter Schweiz, Frankreich, England, Italien, Polen, Ungarn, Rumänien, Russland aber auch Kanada, Chile usw. Die „Strahover Improvisation“ in g-Moll (KV 528a) ist ein spontanes Orgelstück, das Wolfgang Amadeus Mozart am 28. August 1787 bei einem Besuch im Prämonstratenserkloster Strahov in Prag spielte. Fasziniert von der Stiftsorgel, improvisierte er meisterhafte Akkorde und eine komplexe vierstimmige Fuge. Ein gewisser Pater Nobert Lehmann hat diese in Geistesgegenwart mitgeschrieben. Er war nicht nur Pater, sondern sogar Prior des Klosters und auch der grandiose Musikchef! Mittendrinn wurde er abberufen und Prof. Dr. Jiri Ropek hat das Werk im Mozartstil genial vollendet. Von den vielen Preisen und Auszeichnungen Gräfs haben mich am meisten die „Janáček-Medaille in Gold, verliehen durch Václav Havel und die „Goldmedaille von Papst Benedikt XVI.“ angesprochen.

Harmonie vor dem Manual…

So ein Konzert hat so seine Feinheiten! Zum Beispiel das Registrieren. Gräf holte zum Registrieren die Frau Eva Hermann aus Regensburg, Lehrbeauftragte bei Universität Regensburg und Kulturpreisträgerin der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Die beiden haben schon mehrmals miteinander gespielt, vor allem vierhändige Klaviermusik. Hermann spielt auch Orgel und weil die Chemie stimmt, ist sie ein optimaler Partner zum Gräf. Am Samstagabend war es soweit: Dank des Klosteradministrators P. Mgr. Mikukláš Selvek, O.Praem. und Vladimír Roubal, Leiter der Kirchenmusik (traditionell Regenschori) in der Königlichen Kanonie der Prämonstratenser auf dem Prager Strahov war für die Registrierung alles vorbereitet und es ging gleich los, weil um halb neun das Abendgebet folgte. Schon beim Registrieren konnte man sehen, wie wichtig die Verständigung zwischen dem Organisten und dem, der bei der Registrierung mithilft, ist. Was das alles bedeutet, kann man aus der Beschreibung vom Registrieren sehen: Bei der Registrierung einer Orgel wählt der Organist die Register aus, die bei einem Musikstück erklingen sollen. Dadurch bestimmt er die Klangfarbe, die Lautstärke und den Charakter der Musik. Zu einer Registrierung gehören vor allem folgende Aufgaben: Auswahl der Register, etwa Prinzipal-, Flöten-, Streicher- oder Zungenregister, Verteilung der Register auf die verschiedenen Manuale und das Pedal, Anpassung des Klanges an den Raum, die Größe der Kirche und bzw. die jeweilige Liturgie, Berücksichtigung der Epoche und des Komponisten. Musik von Johann Sebastian Bach wird beispielsweise anders registriert als Werke der Romantik oder der Moderne. Wichtig ist auch die Planung von Registerwechseln während des Spiels, die entweder von Hand, mit Fußtritten oder mithilfe elektronischer Setzeranlagen vorgenommen werden. Die Registrierung ist also gewissermaßen die „Instrumentierung“ der Orgelmusik. Da jede Orgel anders gebaut ist und über unterschiedliche Register verfügt, muss die Registrierung oft an das jeweilige Instrument angepasst werden.

Konzertsonntag…

Bei herrlichem sonnigen Wetter besuchte ich mit dem Gräf die heilige Messe. An der Orgel spielte Vladimír Roubal. Der Hauptzelebrant war P. Mikuláš. Nach der Messe folgte noch eine kurze Abstimmung mit ihm und danach folgte ein gemeinsames Festessen im Felsenrestaurant „Über der Hölle.“ Das einzige Restaurant Prags, welches in einem Felsen ist, bot das richtige Milieu für diese Begebenheit an. Es war nämlich nicht nur ein Benefizkonzert für die Orgel, es war auch ein kleines Geschenk zum 130. Geburtstag vom „Bund der Deutschen in Böhmen,“ welcher im Jahre 1896 in Netschetin gegründet wurde. Dazu reisten auch 17 Mitglieder und Freunde aus Neudek, Schönfeld, Netschetin und Pilsen an. Um 14 Uhr ging es schon in die Basilika, um alles für das Konzert vorzubereiten. Gräf mit Hermann eilten noch auf zu der neu renovierten Chororgel, weil Gräf entschloss, auf dieser die modernen Stücke vorzutragen. Pünktlich um 15 Uhr begrüßte ich zweisprachig die gut besuchte Kirche und dann erklangen schon die ersten Töne von Georg Muffatas „Toccata octava.“ Gleich als zweites Stück führte Gräf die „Strahover Improvisation“ von Wolfgang Amadeus Mozart auf. Ein sehr lebendiges Stück. Das letzte Stück, welches auf der großen Kirchenorgel gespielt wurde, war César Francks „Choral in a-Moll.“ Durch Beifall begleitet eilten Gräf mit Hermann zur Chororgel. Bei Widmar Haders „Meditation über das ´Sarkanter-Lied“ konnte man auch die schöne Stimme vom Dietmar hören. Widmar Hader wurde in Elbogen geboren und ich kannte ihn gut, auch wegen seiner Orgelkonzerte in Elbogen. Andreas Willschers „Tanz um das goldene Kalb“ ist eine moderne und „aufschreiende“ Komposition. Der Ausdruck beschreibt die kritikwürdige Verehrung von materiellen Werten wie Geld, Macht oder Status. Das sprichwörtliche „um das goldene Kalb tanzen“ kritisiert eine oberflächliche Gesellschaft, die sich weltlichen Götzen unterordnet. Der Ursprung ist in der Bibel: Die Redewendung geht auf eine Erzählung im Alten Testament (2. Mose 32) zurück. Während Moses auf dem Berg Sinai die Zehn Gebote empfing, wurde das unten wartende Volk ungeduldig. Aus ihrem Goldschmuck gossen sie sich ein Kalb als Götzenbild, tanzten darum und beteten es an. Als Moses zurückkehrte, zerstörte er das Bildnis aus Zorn über diesen Glaubensabfall. Wichtig in der jetzigen Welt! Das letzte Stück war eigene Komposition vom Gräf selber: „Epitaph (Grabinschrift).“ Das Stück hat vier Teile: Der Stein, die Inschrift, das Gespräch mit ihm (ihr) und der Tanz mit ihm (ihr). Großer Applaus folgte und statt Blumen bekamen die zwei Protagonisten einen guten Wein aus Südmähren. Danach trafen wir uns noch in dem Klosterrestaurant unterhalb der Basilika und verarbeiteten noch das große Erlebnis. Danke schön an Dietmar und Eva!

 

 

 

 

 

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