"Bund der Deutschen in Böhmen, e.V.", Sitz: Netschetin / Nečtiny in Tschechien ist ein Verein der deutschen Minderheit in Westböhmen.

Vereinszweck:

  • Erhalt der deutschen Sprache und des „Egerländer Kulturerbes“
  • Schutz der Interessen der deutschen Minderheit
  • Völkerverständigung, insbesonders zwischen GER und CZE

Egerländer im Banat
** 18. – 21. 9. 2026 **

Richard Šulko

Einführung:

An der Donau an der Grenze zwischen jetzigem Rumänien und Serbien liegt ein hoch interessantes Gebiet: das Banat. Die deutsche Besiedlung des Banats ist ein sehr bedeutendes Kapitel seiner Geschichte. Die deutschen Kolonisten wurden später vor allem als Banater Schwaben bezeichnet und bildeten über mehrere Jahrhunderte eine der bedeutendsten ethnischen Gruppen der Region. Nach der Niederlage des Osmanischen Reiches und der Eingliederung des Banats in die Habsburgermonarchie im Jahr 1718 begann die systematische Besiedlung dieses Gebietes.

Ziel des Wiener Hofes war es, die nach den Kriegen dünn besiedelte Region neu zu bevölkern, Landwirtschaft und Handwerk zu entwickeln und gleichzeitig das strategisch wichtige Grenzgebiet zu stärken. Eine erste größere deutsche Ansiedlung im Banat begann bereits 1716 und setzte sich in den folgenden Jahrzehnten fort. Die Kolonisten kamen vor allem aus der Pfalz, dem Elsass, Lothringen, Baden, Württemberg, Bayern und Franken. Es kamen jedoch auch Menschen aus Österreich und den böhmischen Ländern. Obwohl die meisten von ihnen ursprünglich nicht aus Schwaben stammten, wurden sie von der einheimischen Bevölkerung als „Schwaben“ bezeichnet. Daraus entstanden später die Bezeichnungen Donauschwaben und Banater Schwaben. Insgesamt kamen im 18. Jahrhundert rund 150.000 deutsche Kolonisten in die Gebiete des habsburgischen Ungarn, wobei ein bedeutender Teil von ihnen gerade im Banat angesiedelt wurde.

Die besonderen Bedingungen im Banat

Die neuen Siedler kamen in eine äußerst schwierige Umgebung. Große Teile der Banater Tiefebene waren sumpfig und von Malaria und anderen Krankheiten betroffen. Die erste Generation der Kolonisten musste daher großes Leid und eine hohe Sterblichkeit ertragen. Nach und nach begannen sie jedoch, das Land trockenzulegen, Dörfer zu gründen, die Böden landwirtschaftlich zu nutzen und Handwerk und Handel zu entwickeln. Innerhalb weniger Generationen entwickelte sich das Banat zu einer bedeutenden Agrarregion der Monarchie, die mitunter als deren „Kornkammer“ bezeichnet wurde. Die deutsche Bevölkerung siedelte sich nicht nur auf dem Gebiet des heutigen Rumäniens, sondern auch im heutigen Serbien an, denn das historische Banat bildete damals innerhalb der Habsburgermonarchie eine Einheit. Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns am Ende des Ersten Weltkriegs wurde die Region geteilt. Ein Teil des Banats fiel an Rumänien, ein anderer Teil an das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, das spätere Jugoslawien.

Was geschah mit den Banater Schwaben?

Die Geschichte der deutschen Bevölkerung im Banat veränderte sich während des Zweiten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit dramatisch. Nach 1944 folgten Flucht, Deportationen, Enteignungen und Internierungen. In Jugoslawien wurden zahlreiche Deutsche in Lagern interniert; ein großer Teil der deutschen Bevölkerung verließ anschließend die Region oder wurde vertrieben. Im rumänischen Banat konnte die deutsche Gemeinschaft länger bestehen bleiben. Auch hier kam es jedoch zu Deportationen, Enteignungen und einer zunehmenden Abwanderung der Bevölkerung. Heute ist die deutsche Minderheit im historischen Banat zahlenmäßig wesentlich kleiner als vor 1945. Im Vergleich zu den Banater Tschechen: Während die tschechischen Siedlungen vor allem ab den 1820er Jahren im gebirgigen Teil des südlichen Banats entstanden, begann die deutsche Kolonisation ungefähr hundert Jahre früher und war Teil einer groß angelegten habsburgischen Siedlungspolitik. Die Geschichte der Banater Schwaben und der Banater Tschechen steht somit für zwei unterschiedliche Migrationsbewegungen, die später in einigen Orten aufeinandertrafen.

Die Tschechen im rumänischen Banat

Die tschechische Besiedlung des südlichen Banats begann in größerem Umfang in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Um 1823 brachte der Holzunternehmer Magyarly die ersten Kolonisten in die Region. Er benötigte Arbeitskräfte für die Holzgewinnung. Damals entstand unter anderem Sankt Elisabeth (Svatá Alžběta), das später jedoch aufgrund von Wassermangel aufgegeben wurde. In den Jahren 1827 und 1828 organisierten die österreichischen Militärbehörden eine weitere Besiedlungswelle. Dabei entstanden mehrere tschechische Dörfer:

  • Sankt Helena (Sfânta Elena)
  • Gernik (Gârnic)
  • Biger (Bigăr)
  • Eibenthal
  • Rovensko (Ravensca)
  • Schumitz (Șumița)

Diese sechs Dörfer werden gelegentlich als die „Karpatensechs“ bezeichnet.

Sankt Helena gilt als ältestes bis heute bestehendes tschechisches Dorf im rumänischen Banat. Über Generationen bewahrten die Einwohner ihre tschechische Sprache, religiösen Traditionen, Volksbräuche und ihre besondere Form der Landwirtschaft. Nach 1989 ging die Einwohnerzahl jedoch infolge der zunehmenden Auswanderung in die Tschechische Republik deutlich zurück. Interessant ist auch die Abgeschiedenheit dieser Dörfer. Gerade dadurch konnten sich hier über lange Zeit tschechische Dialektmerkmale, ältere Volkslieder, Bräuche und Traditionen erhalten, die sich in Böhmen inzwischen vielfach verändert haben oder verschwunden sind.

Die Tschechen im serbischen Banat

Die tschechische Minderheit im serbischen Banat ist weniger bekannt. Sie lebt vor allem in der Vojvodina, in der Umgebung der Städte Bela Crkva (Weißkirchen) und Vršac (Werschetz). Die bedeutendste tschechische Siedlung ist Češko Selo (Tschechisches Dorf), das im Jahr 1837 gegründet wurde. Tschechen siedelten sich auch in Kruščica, in der Umgebung von Bela Crkva und in weiteren Orten an. Tschechische Kolonisten kamen außerdem nach Veliko Središte, wo sich Mitte des 19. Jahrhunderts tschechische und mährische Glaubensexulanten niederließen. Interessant ist, dass ein Teil der tschechischen Bevölkerung im serbischen Banat durch eine sekundäre Migration aus dem rumänischen Banat dorthin gelangte. So zogen beispielsweise gegen Ende des Ersten Weltkriegs mehrere Dutzend Familien aus Gernik in die serbische Gemeinde Gaj.

Das Jahr 2026

Nun haben wir das Jahr 2026 und es tut sich was! Schon im Jahre 2005 wurde im Bezirk Karlsbad der „Ausschuss für nationale Minderheiten“ gegründet, dessen Mitglied auch ich wurde. Schon 21 Jahre also bearbeitet der Ausschuss die Belange der Minderheiten im Egerland und arbeitet für die Völkerverständigung:

Der Ausschuss für nationale Minderheiten der Bezirksvertretung des Bezirks Karlsbad ist ein wichtiges Bindeglied zwischen den nationalen Minderheiten und der regionalen Selbstverwaltung. Seine Aufgabe besteht nicht nur darin, kulturelle Veranstaltungen zu unterstützen, sondern auch die Anliegen der im Bezirk lebenden Minderheiten aufzugreifen und in die Arbeit der Bezirksselbstverwaltung einzubringen. Zu den wichtigsten Aufgaben des Ausschusses gehört es, Anregungen, Vorschläge und Anliegen der nationalen Minderheiten zu beraten und an die Bezirksvertretung weiterzugeben. Gleichzeitig bemüht sich der Ausschuss darum, bei der Suche nach Lösungen für konkrete Probleme der Minderheiten mitzuwirken. Eine wichtige Rolle spielt auch die Bewahrung und Förderung der kulturellen Traditionen und der Identität der einzelnen Minderheiten. Der Ausschuss informiert die Öffentlichkeit über das Leben der verschiedenen Gemeinschaften und unterstützt deren kulturelle Aktivitäten. Zu den bekanntesten Veranstaltungen gehört der Tag der nationalen Minderheiten, bei dem die einzelnen Gemeinschaften ihre Kultur, Musik, Tänze, Traditionen und kulinarischen Besonderheiten vorstellen. Der Ausschuss beteiligt sich außerdem an Ausstellungen, Filmveranstaltungen und weiteren gesellschaftlichen und kulturellen Projekten. Dazu gehört beispielsweise auch die Dokumentarfilmreihe MINORIS. Im Mittelpunkt steht der Dialog. Vertreter der nationalen Minderheiten können ihre Anliegen und Erfahrungen einbringen, auf Probleme aufmerksam machen und Vorschläge unterbreiten. Gleichzeitig trägt der Ausschuss dazu bei, die Kultur und Traditionen der Minderheiten einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen.

Im Karlsbader Bezirk leben Menschen verschiedener nationaler und kultureller Herkunft (um die 84 Nationalitäten). Im Ausschuss sind beispielsweise unter anderem Vertreter der deutschen, slowakischen, vietnamesischen, ungarischen, russischen, ukrainischen, Roma- und mongolischen Minderheit vertreten.

Die Banater Tschechen besuchen regelmäßig ihr Mutterland, auch als offizielle Gäste des Karlsbader Bezirks. Bei dem letzten Besuch wurde auch die Einladung zum Besuch im Banat ausgesprochen, der im Jahre 2026 Wirklichkeit wurde:  Dank der freundlichen Unterstützung des Bezirkes machten sich 23 Vertreter der Minderheiten auf den Weg nach Banat.

Was für schöne vier Tage!

Gestartet wurde pünktlich um Mitternacht, zum Freitag, den 18. September. Nach 14 Stunden Fahrt erreichten wir endlich Novi Sad in Serbien.   Das Programm startete mit der Eröffnung einer Ausstellung im Archiv der Vojvodina mit dem Titel „Tschechen in der serbischen Armee.“  In der Geschichte sind enge Kontakte zu diesen Ländern bekannt, aber dass mehr als Dreitausend Tschechen in dieser Armee im Ersten Weltkrieg kämpften, wusste ich nicht. Ich kannte die Legionare aus Russland, aber das war für mich neu. Das wohl interessanteste war der Text der zweiten tschechischen Nationalhymne, die bei der Eröffnung gespielt wurde: der Text war nämlich ein anderer, als der offizielle! Nach der Ausstellungseröffnung wurde einquartiert und es ging zum Vortrag über Robert Tollinger unter dem Titel „Leben und Werk“. Tollinger war ein bedeutender tschechischer Musiker, der in Zagreb in Kroatien, Cetinje in Montenegro sowie in Kikinda und Šabac in Serbien lebte und wirkte. Als Cellist, Dirigent und Komponist erzielte er herausragende künstlerische Leistungen. Der Vortrag wurde in serbischer Sprache gehalten. Für die tschechischen Gäste wurde eine schriftliche Übersetzung ins Tschechische bereitgestellt. Zwischendurch spielte Julius Oláh, ein Ungar aus Karlsbad tschechische Lieder. Am späten Abend trafen sich einige Teilnehmer in einem Restaurant in der Nähe vom Hotel, wo eine sehr gute Kapelle verschiedene Rock-Hits spielte. Die Freundschaft zwischen den Mitgliedern der Minderheiten wurde durch Bier und Rakija verstärkt.

Samstag: Peterwardein und Novi Sad

Nach dem Frühstück um 8 Uhr stand eine Besichtigung der Festung Peterwardein (Petrovaradin) über der Moldau auf dem Programm. Die Festung befindet sich im gleichnamigen Stadtteil von Novi Sad auf der anderen Seite der Donau. Um 12 Uhr konnten wir ein gemeinsames Mittagessen im Restaurant AQVA DORIJA an der Donau unterhalb der Festung erleben. Die Aussicht war wunderschön. Schade, dass hier keine Euros angenommen werden. Traurig war auch der Blick flussabwärts, wo man einen breiten und dreckigen Abwasserkanal sah, der in die Dau mündete. Wegen niedrigem Wasserstand konnte man ihn nämlich sehr gut sehen. Nach dem Mittagessen ging es wieder nach Novi Sad, wo im Kulturzentrum EGŠEG Diskussion zum Thema „Nationale Minderheiten und das Leben außerhalb des Mutterlandes“ stattfand. Moderiert wurde die Diskussion von der Journalistin Jelena Petković. Die Gastgeberin war die örtliche Vorsitzende des tschechischen Vereins, Ruža Koláček. Um 19 Uhr begann dann das große Abendprogramm. Die Teilnehmer traten dabei in ihren traditionellen Trachten auf. Folgende Gruppen der Minderheiten aus Tschechien präsentierten ihre Kultur: Deutsche, Mongolen, Ungarn, Ukrainer, Roma und Russen.

Sonntag: Rumänien und Bela Crkva

Am Sonntag ging die Reise bereits um 7 Uhr weiter. Die Fahrt nach Rumänien nach Sankt Helena dauerte fünf Stunden. Sankt Helena (rumänisch: Sfânta Elena, deutsch: Sankt Helena, ungarisch: Dunaszentilona) ist das älteste noch bestehende tschechische Dorf im rumänischen Banat. Es wurde zusammen mit der später verschwundenen Siedlung Elizabeta gegründet. Dieses kleine Dorf hat drei Kirchen: die katholische, evangelische und eine baptistische!  Sankt Helena liegt etwa 6 km von der Donau entfernt und ist über eine asphaltierte Straße erreichbar. Es hat rund 300 Einwohner und liegt auf einer Höhe von etwa 350 m über dem Meeresspiegel. Die nächste Stadt ist Moldova Nouă, etwa 11 km entfernt. Bürgermeister von Sankt Helena ist Petr Hrůza. In Sankt Helena erlebten die Reisenden die berühmte Gastfreundschaft: mit gezapften Bier, Wein, Gebäck und hausgemachten „Sarma“ und „Dušenky.“ Nach dem Mittagessen folgte wieder ein Programm, welches die Gäste aus dem Bezirk Karlsbad zusammengestellt haben. Den wohl größten Applaus erntete die mongolische „Schlangenfrau“ Sumyia Nyamragchaa, als sie, kopfstehend auf ihren Armen, mit ihren Füßen den Bogen spannte und mit dem Pfeil die Zielscheibe traf. Nicht nur für mich war es ein rührender Augenblick, als alle, auch die Jungen, das Lied „Ta naše písnička česká“ (Unser tschechisches Lied) sangen. Viele örtliche Frauen hatten ihre Tracht an und es war sehr rührend. Auf die Harmonika begleitete ein Ukrainer, Victor Tverdokhleb. Das Lied selber hatte Karel Hašler geschrieben: geb. am 31. Oktober 1879 in Zlíchov (jetzt zu Prag 5), gest. am 22. Dezember 1941 im KZ Mauthausen, war er ein tschechischer Schauspieler, Sänger, Kabarettist, Autor, Regisseur und Filmproduzent. Das Programm in Rumänien wurde von František Hrůza organisiert, einem Banater Tschechen, der jetzt in Eger lebt.

Wie im Kommunismus

Nach schwerem Abschied in Sankt Helena ging es in das berühmte Dorf Gerník. Man fährt über schöne Buchenwälder in die Berge hinauf. Gerník (rumänisch: Gârnic, deutsch: Weitzenried, ungarisch: Szőrénybuzás) ist das größte von sechs tschechischen Dörfern im rumänischen Banat und das einzige mit einem eigenen Gemeindeamt. Zu diesem gehören auch das benachbarte rumänische Dorf Padina Matei und weitere Siedlungen. Das Dorf liegt im südlichen Teil des Kreises Caraș-Severin auf einer Höhe von etwa 600 m über dem Meeresspiegel. Es ist durch ein rotes Schild des Tschechischen Tourismusvereins mit den benachbarten tschechischen Dörfern Svatá Helena (14 km) und Rovensko (15 km) verbunden. Gerník wurde 1827 auf Betreiben der österreichischen Monarchie gegründet, die in diesem dünn besiedelten Gebiet die lokale Militärgrenze sichern wollte. Die Bevölkerung lebt hauptsächlich von der Landwirtschaft, und in jüngster Zeit hat sich auch der Agrotourismus entwickelt. Die Kalkherstellung in Lehmöfen hat hier ebenfalls eine lange Tradition. Gerník und das größere Nachbardorf Padina Matei haben zusammen 975 Einwohner. Gerník selbst zählt 230 Einwohner. Wenn man dieses Dorf besucht, fühlt man sich wie in den 30er Jahren. Die Zentralstelle ist das Gasthaus, in welchem man das gezapfte Bier Tschechisch bestellen, oder sogar mit tschechischen Kronen zahlen kann. Man kann Reste der Mühle besuchen oder malerische Häuser bewundern. Einige sind Lehmhäuser. Viele Häuser sind mit Kalk geweißt und haben grüne Verzierungen. Schade, dass man wenig Zeit hatte, denn es erwartete uns der weitere Auftritt:  in Weißkirchen. Bela Crkva/Weißkirchen: Die ca. 10.500 Einwohner zählende Kleinstadt Bela Crkva (deutsch Weißkirchen, rumänisch Biserica Alba, ungarisch Fehértemplom) liegt im südlichen, dem serbischen Teil des Banats, nahe der Grenze zu Rumänien. Weißkirchen ist eine der Siedlungen, in der einst sehr viele Deutsche lebten. Weißkirchen gehörte bis 1872 zum Banater Militärgrenzbezirk, später zum ungarischen Komitat Temes. 1918, nach Ende des Ersten Weltkriegs, wurde Weißkirchen eine Stadt des neugegründeten Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen. Die Häuser der eher wohlhabenden deutschen Bürger von Weißkirchen hatten ein besonderes, hervorstehendes Fenster, das sogenannte Kiebitzfenster, das dem „Kiebitzen“ diente. Es war eine Art innerhäuslicher Ausguck, von dem aus man bequem das Geschehen auf der Straße beobachten konnte. Für das Kiebitzfenster wurden sogar besondere Gardinen genäht. Diese Stadt gehört zu den Orten in Serbien, an denen die tschechische Minderheit bis heute präsent ist, und sie ist die einzige Gemeinde in Serbien, in der Tschechisch den Status einer Amtssprache besitzt. Vor dem Auftritt im Kulturzentrum in Kruščica bei Weißkirchen musste man die Rumänisch-serbische Grenze passieren. Wir, die in den kommunistischen Zeiten aus der Tschechoslowakei nach Westdeutschland fuhren, haben noch sehr gut in Erinnerung, wie das an der Grenze war: strenge Kontrollen, auch körperliche, dazu wurden die Koffer durchwühlt… Wenn man den Schengenraum und die EU verlässt, wird es spannend. Das richtige Abenteuer war aber, wenn man aus Serbien wieder in die EU nach Rumänien fährt. Es war ein kleiner Grenzübergang und die Grenzpolizei sah zum ersten Mal mongolische Reisepässe. Wenn man noch dazu russische Staatbürger hat, ist das Problem vorprogrammiert: es wurden Tische aus Edelstahl zum Bus gerollt und die Filzung von einigen Koffern begann. Nach mehr als einer Stunde konnte man aber ohne „Schaden“ weiterfahren.

Das Dorf Kruščica befindet sich in der Gemeinde Weißkirchen im Bezirk Südbanat in der Provinz Vojvodina. Laut der Volkszählung von 2002 hat das Dorf eine serbische ethnische Mehrheit mit einer beträchtlichen tschechischen Minderheit und einer Bevölkerung von 989 Personen. Schon beim Ausstieg aus dem Bus konnte man mit der eigenen Nase spüren, dass wir auf dem Lande waren. Nach dem Programm, das etwa eine Stunde dauerte, konnten wir wieder die Gastfreundschaft erfahren: auch die Gespräche vor allem mit den älteren Tschechen waren sehr interessant. Ich selber hörte öfter, wie die Menschen zu mir sagten: „Hier war früher alles Deutsch“ (wir wurden ja als Deutsche vorgestellt und präsentierten in deutschen Trachten das Deutsch-Egerländer Kulturgut).

Montag: weiterhin auf den Spuren der Tschechen im Banat

Am Montag begann die Rückfahrt nach Karlsbad. Auf dem Weg wurden noch zwei Stationen besucht. In Weißkirchen besuchte die Gruppe das Tschechische Info- und Medienzentrum. Der Leiter Jaroslav Bodnar erklärte, wie das Zentrum funktioniert und zeigte, wie er die tschechischen Fernseh- und Rundfunksendungen für das serbische Fernsehen und Rundfunk vorbereitet. Es folgte wieder der gastfreundschaftliche Teil und es ging zum letzten Reiseziel: Češko Selo (serbisch in kyrillischer Schrift Чешко Село, wörtlich „Tschechisches Dorf“) ist ein Dorf im serbischen Banat und gehört zur Gemeinde Bela Crkva (Weißkirchen). Unter den örtlichen Tschechen ist der Ort auch unter den Namen Ablian oder Fabian bekannt. Češko Selo ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil hier prozentual die meisten Tschechen innerhalb Serbiens leben. Ihre Vorfahren kamen gemeinsam mit weiteren tschechischen Siedlern in das südliche Grenzgebiet der Habsburgermonarchie. Dieses wurde nach den österreichisch-türkischen Kriegen im 18. und 19. Jahrhundert wiederbesiedelt. Einer Überlieferung zufolge sollen die örtlichen Tschechen von den Choden abstammen, einer historischen Volksgruppe aus Westböhmen. Ein großer Teil der heutigen tschechischen Bevölkerung von Češko Selo kam später aus dem rumänischen Teil des Banats, insbesondere aus der inzwischen untergegangenen Siedlung Panasca. Eine besondere Rolle im heutigen Leben des Dorfes spielt seit 2013 die tschechische Jugend- und Umweltorganisation Hnutí (Bewegung)  Brontosaurus. Mitglieder und freiwillige Helfer veranstalten hier jedes Jahr ein Sommer-Freiwilligenlager und beteiligen sich im Sommer und Herbst an verschiedenen gesellschaftlichen Veranstaltungen. Die Freiwilligen unterstützen die örtliche Bevölkerung bei der Pflege öffentlicher Plätze und kleinerer historischer Denkmäler. Sie waren unter anderem an der Restaurierung historischer Brunnen beteiligt und helfen bei der Pflege des Friedhofs, des Museums, des Kirchengartens und der Kirche. Darüber hinaus engagiert sich Hnutí Brontosaurus für die Entwicklung eines sanften und nachhaltigen Tourismus in der Region. Die Organisation baut ein Netz touristischer Markierungen auf, errichtet Informationstafeln über das Dorf und seine Geschichte und betreibt die Internetseite srbskybanat.cz. Außerdem wurde der Reiseführer Toulky srbským Banátem („Streifzüge durch das serbische Banat“) herausgegeben.

Eine besondere Bedeutung hat jedoch die Unterstützung der örtlichen tschechischen Vereine. Die Freiwilligen tragen dazu bei, die Kontakte zwischen den im Banat lebenden Tschechen und ihrer historischen Heimat in Tschechien zu pflegen und weiterzuentwickeln. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag dazu, dass Sprache, Kultur und Traditionen der tschechischen Gemeinschaft im serbischen Banat auch für kommende Generationen erhalten bleiben. In Češko Selo wurde das Museums der tschechischen Landsleute besucht. Mit einem wenig veralteteten Tschechisch führte die Gruppe Herr Emanuel Veverica durchs Museum, der in der siebten Generation in Češko Selo lebt. Nach den Ergebnissen der serbischen Volkszählung von 2022 hatte Češko Selo nur noch 26 Einwohner. Davon bekannten sich 17 Personen zur tschechischen Nationalität, fünf zur serbischen; bei den übrigen wurden andere, nicht erklärte oder unbekannte Angaben erfasst. Damit stellen die Tschechen weiterhin die Mehrheit der Bevölkerung des Dorfes. Auch die tschechische Gemeinschaft in ganz Serbien ist klein geworden. Bei der Volkszählung 2022 bekannten sich insgesamt 1.317 Menschen in Serbien zur tschechischen Nationalität.

Für das Mitglied einer Minderheit, die stark assimiliert ist, war der Besuch schon etwas ganz Besonderes. Man muss sich wundern, dass nach zwei Jahrhunderten das tschechische Element so weit vom Mutterland noch so erhalten ist. Man braucht aber auch die Unterstützung des Mutterlandes und der Mehrheitsgesellschaft, denn eine Gesellschaft erkennt man daran, wie sie sich zu den Minderheiten und zu den Toten benimmt. Und da muss die tschechische Gesellschaft bei ihren Minderheiten noch ein paar Hausaufgaben machen.

 

 

 

 

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